Unfall

Als wir mit Entsetzen feststellten, dass es die falsche Abzweigung war, landeten wir schon im Scheinwerferlicht eines Zuges. Zum Glück gelang es uns in allerletzter Sekunde die Gurte zu lösen, die Türen zu öffnen und aus dem Auto zu springen. Er auf der rechten Seite der Gleise und ich auf der linken. Weiches Heu dämpfte mein Aufschlag, wie es ihm ergangen ist, wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Als der Zug an uns vorbei gefahren war und den Opel mit sich zog, war es eine Zeit lang toten still, auch die Tiere des nahe gelegenen Waldes hielten den Atem an, so schien mir zumindest. Erst als die brunftigen Hirsche wieder zu röhren anfingen meldete sich Charles zu Wort. Zwar nur mit einem kläglichen: „Ah!“ Aber ich war zufrieden. Aufstehen und nach ihm sehen konnte ich allerdings nicht. Warum erfuhr ich erst später. Als Charles sich so weit erholt hatte, was mir wie Stunden vorkam, war er in der Lage nach mir zu sehen. Als er sah wie verrenkt ich dalag unterdrückte er einen Aufschrei um mich nicht zu erschrecken. Ich konnte mich schließlich nicht sehen und wusste somit nicht was für ein schreckliches Bild mein verdrehter Körper darbot. Gemerkt habe ich davon noch nichts. Eigentlich war ich doch in weichem Heu gelandet oder etwa nicht? Oder hatten die Pillen aus der Disko dazu geführt, dass es sich wie weiches Heu anfühlte? Mir wurde später gesagt ich sei in einen Steinhaufen gefallen.
Während ich über die letzten Minuten nachdachte, die sich so lang hinzogen wie Stunden, kramte Charles schon sein Handy heraus. „Komisch, warum hat der Zug nicht angehalten?“ War mein letzter Gedanke als Charles sein Gespräch beendet hatte und sich zu mir vor beugte. Er streichelte über meinen Arm, wohl um mich zu beruhigen, aber gerade diese Geste veranlasste mich dazu panisch zu werden, weil ich seine Berührung nicht spüren konnte. Mit angsterfüllten Augen sah ich Charles an. War es möglich? Sollte es wirklich mich treffen? Wir blickten uns in die Augen, mussten keine Wort wechseln um uns unsere Gefühle mitzuteilen. Nach einem kurzen Augenblick, in dem seine Augen seine Sorgen wieder spiegelten, strahlte er mich aufmunternd an. Sein Lächeln erinnerte mich an unsere erste Begegnung. Die Erinnerung lief wie ein Film, aus grauer Vorzeit, in meinem Kopf ab. Ich, wie ich versuche die schweren Pakete zur Post zu jonglieren. Als sie mir fast hinunter fallen, erscheint er auf der Bildfläche. Mit einem charmanten Lächeln bietet er mir seine Hilfe an. Erleichtert nehme ich an. Meine Erinnerungen werden durch die Sirene des Krankenwagens, der hörbar näher kommt, unterbrochen. Das schreckliche Gefühl und die Angst, die mit dem lauten Gebrüll der Sirene verbunden ist, versuche ich zu unterdrücken und mich zu dem Tag zurück zu träumen. Schon nach dem ersten Gedanken an damals drängt sich die Sirene wieder in mein Bewusstsein. Charles hält noch immer meine Hand, was ich nicht spüren kann, und das Martinshorn wird unaufhörlich lauter.

9.3.08 18:37

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen
Werbung